Frank-Heinrich Müller, Steffen Spitzner

Gemeindehaus in der Wallonerkirche, Magdeburg

Die Magdeburger Wallonerkirche hat ein neues Herz erhalten: ein Gemeindehaus an zentraler Stelle in deren Mittelschiff. Es verdichtet die Kirche nach innen und macht die Gemeinde zugleich sichtbarer nach außen. Ein geglückter Fall einer Vitalisierung. Schon lange Zeit, seit ihrem reduzierten Wiederaufbau in den 1960er Jahren, war die Magdeburger Wallonerkirche nur noch wenig genutzt und leer: kein Gestühl, keine Kanzel. Allein die beiden Reihen der fast trutzig anmutenden Stützen gestalteten den großartig-kühlen Raum. Gottesdienste der Evangelisch-reformierten Gemeinde fanden überwiegend in der kleinen Martinskapelle statt, das Gemeindeleben in angemieteten Räumen darüber. Es war die Summe vieler Defizite, die zu einem kühnen Vorhaben ermutigte: eine Rückkehr zu den Wurzeln, in eben jene hochgotische, im 13. Jahrhundert errichtete dreischiffige Hallenkirche des einstigen Augustinerklosters. Deren Ruine war ab 1689 zur Heimat der Glaubensflüchtlinge aus Frankreich, der Pfalz und der Wallonie geworden. In dem schlichten Sakralbau bildet nun ein zweigeschossiger, aus sich heraus leuchtender Quader die pulsierende neue Mitte. Eine Stahlkonstruktion gibt den festen Rahmen für große Glasflächen, die Außen und Innen organisch verschmelzen lassen. Die wenigen geschlossenen Wandflächen sind im zarten Muster eines gefalteten Seidenpapiers bedruckt, es imitiert fantasievoll die Anmutung schweren Sandsteins. Als Essenz von „Interpretation und Variation des Vorgefundenen“, so die Entwurfsverfasser, ist die neue Architektur ein Angebot zum Dialog „zwischen alt und neu, hart und weich, grob und zart, nah und fern“. Nicht zuletzt das auch wieder geöffnete Hauptportal lädt nun jedermann ein, daran teilzuhaben. Über das Innere des kleinen Kubus ist schnell erzählt: Das Erdgeschoss bietet einen kleinen hellen Saal für Gottesdienste, das Obergeschoss Gemeinde- und Pfarrbüro, Teeküche und Toilette. Ein Aufzug verbirgt sich neben der schmalen Treppe, das sieht man dem „Haus im Haus“ wahrlich nicht an. Die Jury würdigt „den sorgfältigen Einbau, der in Transparenz und Materialität nichts vortäuscht“. … Er macht, so das Resümee, „einen ‚total’ leeren Raum und Kirche wieder lebendig“. Das neue Herz – hier kann man es pochen hören.

Standort
Neustädter Straße 6, Magdeburg

Bauherr/in
Evangelisch-reformierte Gemeinde Magdeburg, Magdeburg

Architekten
Steinblock Architekten GmbH, Magdeburg

Preise
Architekturpreis des Landes Sachsen-Anhalt 2016, Engere Wahl; Bauwerk des Jahres 2015

Fertigstellung
2015