Michael Moser

Gemeindezentrum, Tangermünde

Umbau und Erweiterung des Christophorushauses

Es ist eine städtebauliche Situation wie aus dem Bilderbuch. Auf dem Tangermünder Prälatenberg, hoch über der Tangermündung in die Elbe, erhebt sich die spätgotische Hallenkirche St. Stephan. In ihrem schützenden Schatten überstand das einst als erstes Schulgebäude der Stadt 1609 errichtete Christophorushaus drei große Stadtbrände im 17. Jahrhundert und gilt als ihr ältester erhaltener Profanbau. 400 Jahre sind eine lange Zeit für ein Haus, für viele Nutzungen und für viele Um- und Einbauten. Desolat war der Zustand der Bausubstanz durch Nassfäule, Pilz- und Schädlingsbefall. Innerhalb eines Jahres ist es nunmehr zu einem Gemeindezentrum der Evangelischen Kirchengemeinde St. Stephan behutsam saniert, umgebaut und erweitert worden. Denkmalpflegerischem Substanzerhalt, baukonstruktiven wie technisch notwendigen Instandsetzungen und Erneuerungen, dem begrenzten Budget der Gemeinde und den vielfältigen funktionelle Anforderungen sahen sich die Architekten verpflichtet. Mit handwerklichen Techniken und traditionellen Baumaterialien hat man die historische Baustruktur grundlegend saniert: u. a. Fachwerkwände mit Lehmziegel ausgefacht, Innenwände gedämmt und mit Lehm verputzt, Holzbalkendecken und Türen aufgearbeitet… und nicht zuletzt die Gebäudetechnik und den Brandschutz den Anforderungen der Zeit angepasst. Neu ist das Haus jetzt im Innern aufgeteilt: Lichtdurchflutet empfängt das Foyer samt seiner Treppe, im Erdgeschoss ein größerer und höherer Gemeindesaal, außerdem Gruppenräume und Gästezimmer für Pilger. Ein eingeschossiger Anbau wurde dem Haus südlich angefügt, er mit Holzlamellen ebenso verkleidet wie der neue Balkon. Als Blickfang und sichtbarstes Zeichen einer neuen Zeit ist jedoch eine stahlgefasste mittige Eingangspforte samt ihrer ebenfalls von Holzlamellen gerahmten bodentiefen Verglasung zu beiden Seiten zu verstehen, darüber ein Schriftzug in metallenen Lettern aus der Christophoruslegende. Diesen besonderen Akzent hat das Haus durch die Arbeit des halleschen Metallbildhauers Thomas Leu erhalten: ein Wandrelief entlang der Altarrückwand des Gemeindesaals und vor dem Eingang der legendäre Stab des Christophorus aus hartem Cortenstahl. So attestiert die Jury: Der Bauherr und sein Architekt zeigen mit diesem Projekt, dass auch die scheinbar unspektakulären Bauaufgaben mit qualitätsvoller Transformation ihren Beitrag zur Baukultur liefern.

Standort
Pfarrhof 7, Tangermünde

Bauherr/in
Evangelische Kirchgemeinde St. Stephan, Tangermünde

Architekten
DRESSLER ARCHITEKTEN BDA, Halle (Saale)

Preise
Architekturpreis des Landes Sachsen-Anhalt 2013, Auszeichnung

Fertigstellung
2012