Steffen Spitzner, Eduardo Novo

Wohn- und Geschäftshaus, Georg-Cantor-Straße, Halle (Saale)

Dominant, expressiv, schräg … Die Reihe möglicher Adjektive für das neue Haus ist lang. Sie alle eint der Versuch, die ausdrucksstarke Form des gänzlich in Grau gehaltenen, hohen und in seinem Grundriss superschmalen Gebäudes auf der Ecke Georg-Cantor- Straße/Breite Straße in Worte zu fassen. Das Platzwunder wurde auf ein kompliziert geschnittenes Grundstück mit dem verwegenen Mut zur schwierigen Lücke eingepasst. Es ergänzt und verdichtet Halles beliebte nördliche Innenstadt nahe des Botanischen Gartens in bester, und wie die Jury feststellte, beispielhafter Weise. Wie ein schlappes L ist der Baukörper geformt. Er entwickelt sich aus dem Verlauf der beiden aufeinander zulaufenden Straßen und schließt an städtebaulich wichtiger Stelle eine alte Wunde. Der Eingang findet sich folgerichtig im leichten Knick des Hauses, hier ist auch das Treppenhaus, es erlaubt die Anordnung der insgesamt fünf Wohnungen zu beiden Seiten. Sie alle profitieren mit ihren breiten Fensterbändern und einem Balkon von der südöstlichen Ausrichtung und somit vom guten Sonnenlicht. Die beiden betagten, gründerzeitlichen Nachbarn gaben die mögliche Höhenentwicklung vor. Das neue Haus mit seinen dem Himmel zustrebenden zwei Dachspitzen hat sie jedoch frech ausgetrickst. Nichts lehnt oder schmiegt sich da an alte Brandwände, es wird lediglich vermittelt. Und das zu einem guten Zweck. Die expressive Dachform lässt Licht auch vom Südwesten in die beiden oberen Studiowohnungen und damit beste Abendsonne auf die Terrassen fließen. Einfach und rational sind die Grundrisse angelegt. Geringe Spannweiten ermöglichen flexible Raumaufteilungen: von der loftartigen freien Gestaltung bis zum klassischen Wohnen. Drei Pkw Stellplätze sowie ein Büro – übrigens das des Bauherrn – haben im Erdgeschoss ihren Platz gefunden. Großflächige Schaufenster öffnen hier elegant die Giebelfront, die selbstbewusst und architektonisch zeitgenössisch die Straßenflucht füllt. Und eines klarstellt: Das hier ist weder eine zahme Prothese noch ein sich anbiederndes Implantat. Es ist etwas Neues, sehr Authentisches, „als städtebauliche Lösung gelungen und eine gute Geste im Sinne der Stadtreparatur“.

Standort
Georg-Cantor-Straße 1a, Halle (Saale)

Bauherr/in
Frank Kuhn, Halle (Saale)

Architekten
snarq architekten, Halle (Saale)

Preise
Architekturpreis des Landes Sachsen-Anhalt 2016, Engere Wahl

Fertigstellung
2014