Matthias Möller

Landschaftszug, Dessau-Roßlau

Eine Stadt wird weniger: weniger Arbeitsplätze, weniger Menschen, weniger Häuser. So jedenfalls stellte sich die Situation für Dessau in den Jahren seit der politischen Wende in der DDR dar. Gesucht wurde seither nach einer Perspektive für die schlankere Stadt. Mit dem Thema ‚Urbane Kerne und landschaftliche Zonen‘ entwickelte man im Rahmen der Internationalen Bauausstellung Stadtumbau Sachsen-Anhalt 2010 ein Konzept, das auf ein ganz neues baulich-räumliches Profil setzt und neue Stadtstrukturen schafft. Gebäudeabrisse werden konzentriert und die Natur zieht wieder ein. Ein ausgedehnter, extensiv genutzter Landschaftszug entsteht, eine ‚kultivierte Weite‘, in der sich eingebettet die urbanen Kerne stabilisieren und weiterentwickeln können. ‚Wege und Querungen‘ als öffentliche Räume verbinden die Kerne, ‚Ränder‘ stellen Hintergrund und Übergänge und ‚Solitäre und Landmarken‘ strukturieren, akzentuieren und geben Orientierung. Auch Spuren früherer Nutzungen sind in die Gestaltung integriert. Diese Ideen entlehnen sich durchaus vom prominenten Nachbarn: dem Dessau-Wörlitzer Gartenreich. ‚Die Prinzipien des Gartenreiches auf den Landschaftszug übertragen‘ nennen das die Landschaftsarchitekten, lassen die Motive des aufgeklärten Parkgründers, des Fürsten Franz, in ihr ‚Entwicklungskonzept Landschaftszug Dessau‘ fließen und interpretieren sie neu. Das Konzept ist sicher noch Vision. Seine Umsetzung braucht Zeit und viele Mitstreiter. Doch erste Ergebnisse zeigen sich schon heute. So wie im Bereich um den ehemaligen Kohlehandel und die Wurstfabrik Andes sowie auf dem ehemaligen Molkereigelände im Südosten der Stadt, wo man beispielhaft für andere, in Schrumpfung befindliche Orte, einen neuen Umgang mit frei werdenden Flächen durch neue Pflegekonzepte und die Einbindung einer Vielzahl von Akteuren erprobt. Für viele Dessauer ist dieses neue, andere Bild von ihrer Stadt noch ungewohnt. Es ist ein Projekt mit vielen Facetten: Abschiednehmen, Spurensuche, einem Sich-Besinnen und einem Sich-Einbringen in eine ganz neue Stadtentwicklung. Eben ein ganz neuer Weg.

Standort
Innenstadt Dessau, Dessau-Roßlau

Bauherr/in
Stadt Dessau-Roßlau, Dessau-Roßlau

Architekten
Station C23, Büro für Architektur, Landschaftsarchitektur und Städtebau, Leipzig

Preise
Architekturpreis des Landes Sachsen-Anhalt 2010, Auszeichnung

Fertigstellung
2009