Thomas Völkel

Lesezeichen Salbke, Magdeburg

Vieles am ‚Lesezeichen‘ ist bemerkenswert: die Idee, der Prozess, das Ergebnis… Im vom industriellen Niedergang, Wegzug und Leerstand gezeichneten Magdeburger Stadtteil Salbke – einem ‚postindustriellen Pompeji‘, wie es ein Journalist schrieb – haben Architekten gemeinsam mit den Bürgern ein Mut schöpfendes Projekt zu einem glücklichen Ende gebracht. Zuerst war es nur eine Intervention im öffentlichen Raum, eine Bücherwand nebst Bühne aus 1.000 Bierkisten, die einen temporären Funktionstest bestand. Heute steht in Salbke eine einzigartige Freiluftbibliothek mit einer mehr als charmanten Idee: Hier kann man Bücher ohne Bibliotheksausweis und Gebühr leihen. Das auffälligste Merkmal des skulpturalen Baukörpers auf einer wichtigen Straßenspitze ist seine Fassade aus tiefgezogenen Aluminiumformteilen, samt der Unterkonstruktion ein Teil der Haut des 2007 abgerissenen Horten Warenhauses in Hamm. Eine solche Nachnutzung ist beispielhaft. Und sie ist ‚in‘, denn sie bedient den Zeitgeschmack nach Retro-Design: ‚Alles schon mal mitgemacht, alles ganz vertraut‘. Im Innern, dem Straßenlärm abgewandt und freiräumlich gestaltet, findet sich das ‚grüne Wohnzimmer‘. Unter freiem Himmel und doch geschützt. Dafür sorgt eine Überdachung entlang der holzwarmen, vertikal verlegten Lärchenhölzer. Hier sind auch die Aussparungen für die Bücher- und Sitzplatznischen. Ein guter Raum fürs Lesen, Treffen, Sein. Die Architekten haben mit dem ‚Lesezeichen‘ ein außergewöhnliches Bauwerk geschaffen. Sie haben sich aber auch nicht gescheut, wie Streetworker gemeinsam mit den Bürgern in einem Stadtteil – der trotz seiner Problematik den Salbkern Heimat ist – weiterzubauen. Für beides gebührt ihnen Respekt und Anerkennung, nicht zuletzt mit der Nominierung des Projektes in die Engere Wahl zum Architekturpreis des Landes Sachsen-Anhalt 2010. Und so ist alles am ‚Lesezeichen‘ bemerkenswert. Aber vor allem eins: Es setzt ein Ausrufezeichen. Mit einem Baukörper im Stadtbild, der aus der Rolle fällt, an dem man nicht vorbeikommt, der sagt: ‚Schaut, hier geht noch was.‘

Standort
Alt Salbke 37, Magdeburg

Bauherr/in
Landeshaupstadt Magdeburg, Hochbauamt, Magdeburg

Architekten
KARO* architekten Heuer Rettich Hafermalz, Leipzig mit Architektur+Netzwerk, Magdeburg

Preise
Architekturpreis des Landes Sachsen-Anhalt 2010, Engere Wahl

Fertigstellung
2009