Zooey Braun, Steffen Spitzner

Luthers Sterbehaus, Erweiterung und Sanierung, Lutherstadt Eisleben

Es war der Irrtum eines Eisleber Stadtchronisten: 1726 verwechselte er schlicht zwei Adressen und verortete Luthers wahres Sterbehaus statt am Markt 56 am Andreaskirchplatz 7. Im Jahr 1894 ließ der Preußische Staat in einer Phase wiedererwachenden Luthergedenkens nun an dieser Stelle ein in die Renaissance zurückversetztes Sterbehaus mit einer musealen Inszenierung der letzten Stunden des Reformators eröffnen. Erst in den 1970er Jahren fiel der Verortungsfehler auf. Das Museum jedoch blieb und ist heute UNESCO-Welterbe geschützt Wallfahrtsort der weltweiten Lutherverehrung. Nach dem Entwurf des Stuttgarter Büros VON M wurde das alte Gebäude in den vergangenen zwei Jahren behutsam saniert und durch einen bemerkenswerten Neubau zu einem Museumsquartier erweitert. Er schützt und entlastet quasi das alte Haus und nimmt alle notwendigen Funktionen wie Besucherempfang, Garderobe, Toiletten und barrierefreie Zugänge auf. Zugleich schafft er großzügig Raum für Veranstaltungen, Sonderausstellungen und insbesondere für die Dauerpräsentation. Eigenständig-modern zeigt sich der neue Erinnerungsbau vom Vikariatsgarten aus. Wohltuend zurückhaltend schließt hingegen das aus drei Kuben geformte helle Haus im samtgrau-beigen Ziegelkleid den früheren Vierseithof, in seiner Mitte die Luthereiche. Ein Achtungsabstand zum alten Haus dokumentiert sich hier nicht in einer offenen Fuge, sondern in einem sichtbaren Materialwechsel mit einem holztonwarmen Lamellenvorhang. Die Jury hebt hervor: Es wird darauf vertraut, dass das Neue sowieso gut ablesbar ist Hohe Detailqualität des Neuen und die angemessene Restaurierung des Alten erweisen den nötigen Respekt. Luthers letzter Weg heißt die neue Dauerausstellung und überrascht mit modernem Auftritt, hochwertigem Design und unkonventionellen Präsentationsformen. Und setzt auf Annäherung, Emotion und Assoziation. Mehr denn je ist das alte Haus nun zu einem Ausstellungsstück seiner selbst avanciert eingebettet in die klare und großzügige Struktur eines funktionalen Neubaus, der mit reduzierter und differenzierter Raum- und sensibler Detailgestaltung, so Bauherr und Architekt, lautes formales Gehabe vermeidet. Davon kann sich der Besucher während seines Streifzugs durch den gebauten Dialog zwischen Alt und Neu selbst überzeugen und wird zudem am Ende mit einem weiten Blick über den Vikariatsgarten ins alte Eisleben belohnt.

Standort
Andreaskirchplatz 7, Lutherstadt Eisleben

Bauherr/in
Stiftung Luthergedenkstätten in Sachsen-Anhalt, Lutherstadt Wittenberg

Architekten
VON M, Stuttgart

Preise
Architekturpreis des Landes Sachsen-Anhalt 2013, Auszeichnung

Fertigstellung
2013