Hanns Joosten

Neugestaltung der historischen Mitte, Staßfurt

Wie viel Mitte braucht eine Stadt? Staßfurt, die Wiege des Kalisalzbergbaus, verlor ihr historisches Gesicht, als stadtbildprägende Gebäude in einem Bergbausenkungsgebiet von rund 200 Hektar versanken. Staßfurt musste schmerzhaft lernen, ohne ein typisches Zentrum auszukommen. Eine neue städtebauliche Perspektive suchte man im Rahmen der IBA Stadtumbau 2010 gemeinsam mit Fachleuten und den Staßfurter Bürgern. Aufheben der Mitte im Sinne eines qualitativen Anhebens war das Thema, unter dem interdisziplinäre Planerteams nach Lösungen sowohl für ein neues Erscheinungsbild, eine neue Bedeutung und neue Identität für die Gesamtstadt als auch nach einer Lösung der ingenieurtechnischen Probleme suchten. Heute spiegelt ein großer See den weiten blauen Himmel und die neuen Uferzonen. Die Low-Tech-Lösung der Berliner Landschaftsarchitekten Häfner/Jimenez ließ einen 4.500 Quadratmeter großen See als neue Mitte und sichtbarstes Zeichen einer eingerichteten dezentralen Wasserhaltung entstehen, die weitere Senkungen im Stadtgebiet verhindern wird. Gleichzeitig steht er für eine neue städtische Entwicklung am Platz. Das Uferrund ist mal mit feinem, mal mit grobem Schotter befestigt, eine Hommage an das kristalline Salz, das einst den Wohlstand der Stadt begründete. Bänke säumen den Weg längs der Wasserkante, Sitzstufen laden zum Verweilen ein, und eine Kirschbaumwiese entstand. Wichtigstes Element der landschaftsräumlichen Neugestaltung aber bleiben die Orte der Erinnerung. Etwa das Kirchengrundstück, unter dem sich die Reste Fundament und Keller der alten Stadtkirche befinden. Ihren Grundriss hat man aus rostigem Cortenstahl im Rasen nachgezeichnet. Eine Asphaltfläche an der Südspitze des Sees ist von Kleinpflaster gerahmt, sie zeichnet den einst Großen Markt in seiner historischen Form nach. Und nicht zuletzt führen immer wieder Straßen als Plattformen in den See hinein, sie lassen den Verlust der Mitte sinnlich erfahren. Bis auf die wichtige Kottenstraße, sie hat mit einer Brücke eine neue Verbindung gefunden. See, Großer Markt und Kirchengrundstück bilden heute die Elemente einer neuen räumlichen Einheit, die immer wieder die Beziehung zur umliegenden, unversehrten Stadt sucht und ihre Geschichte zu erzählen vermag: von Gewinn, von Verlust und einem Neubeginn. Und so die eingangs gestellte Frage neu beantwortet auf Staßfurter Art.

Standort
Kottenstraße, Staßfurt

Bauherr/in
Stadt Staßfurt, Staßfurt

Architekten
Häfner / Jimenez, Büro für Landschaftsarchitektur, Berlin

Preise
Architekturpreis des Landes Sachsen-Anhalt 2013, Auszeichnung

Fertigstellung
2010