Stefan Müller, Steffen Spitzner

Schloss Wittenberg, Umbau und Sanierung, Lutherstadt Wittenberg

Für die Sanierung und den Umbau des Schlosses Wittenberg griffen die federführenden Architekten auf eine Metapher zurück, um ihren Ansatz besser erklären zu können. Und schenkten uns den Begriff „Palimpsest“. Denn zum 500. Reformationsjubiläum 2017 bot sich die große Chance, das alte, über die Zeiten mehrfach zerstörte, zur Kaserne umgebaute und umgenutzte Schloss für Neues zu öffnen: als Sitz für das Evangelische Predigerseminar sowie eine Reformationsgeschichtliche Forschungsbibliothek. Genau dafür „erfand“ BFM drei überaus verallgemeinerungs- und letztlich preiswürdige Strategien. Das Wertvollste aus den vielen, sich überlagernden Spuren herauszukristallisieren und mit den neuen Funktionen und Wünschen in Einklang zu bringen, gelang zum ersten mit einem „Editing“ (Bearbeiten).

Das Ergebnis? Die Entdeckung der Schönheit! Ein Beispiel: Die im Ursprung schnöde-simpel, aufeinanderfolgenden Räume des Kasernenbaus wurden auf allen drei Geschossen zu einladenden, die Säle optimal erschließenden „Enfiladen“. Dazu: der Erhalt der Ziegelgewölbe. Sie überspannen heute schützend die Tonnenräume des Lesesaals der Bibliothek. Mit „Deleting“ (Löschen) umschreiben die Architekten den unumgänglichen Eingriff in den historischen Bestand. Anforderungen an Brandschutz, Barrierefreiheit, Bau und Technik mussten umgesetzt, neue Zugänge geschaffen werden. In der Folge passte man zwei „verrückte“ Treppenhäuser in zwei quaderförmige Hohlräume ein. Und schließlich Step drei: Auf dem vormals meterhoch mit Sand als Schutz gegen Brandbomben gefüllten flachen Dach wurde im Sinne eines „Post Scriptums“ eine „zusätzliche Information“ hinzugefügt: Ausbildungsräume sowie die Winterkirche des Evangelischen Predigerseminars in monolithisch konstruierten Leichtbetonkuben, sie begleiten begrünte Innenhöfe.

Heute steht ein heller Schlossbau am westlichen Stadteingang, der mit den ihm eingeschriebenen Zeitschichten von den Verwund- und Verletzungen ebenso erzählt wie von seiner intelligenten Rettung in einer einzigartigen Gemeinschaftsleistung, die die handwerklich hervorragende, denkmalgerechte Sanierung ausdrücklich mit einschließt. Die Jury war sich einig: „Die Summe der Interventionen – Wegnahme, Aufwertung, Ergänzung, Veredlung – machen aus einem sperrigen Problemdenkmal außen wie innen ein einmaliges Architekturkunstwerk.“

Standort
Schlossplatz 1, Lutherstadt Wittenberg

Bauherr/in
Lutherstadt Wittenberg

Architekten
ARGE Bruno Fioretti Marquez Architekten, Berlin (federführend); AADe | Atelier für Architektur und Denkmalpflege, Köthen (Anhalt)

Preise
Architekturpreis des Landes Sachsen-Anhalt 2019; Deutscher Architekturpreis 2019

Fertigstellung
2017