Adrian Schulz

Wohn- und Geschäftshaus „Steinbrücke“, Quedlinburg

Wie baut man heute in einer Stadt wie Quedlinburg, deren größte Sehenswürdigkeit ganz und gar sie selbst ist: mit mehr als 1.300 Fachwerkhäusern auf frühmittelalterlichem Stadtgrundriss, zudem seit 1994 UNESCO-Welterbe geschützt? Ursprünglich wollte die Quedlinburger Wohnungswirtschaftsgesellschaft den Gebäudekomplex aus den 1950er Jahren auf der markanten Straßenecke an der Fußgängerzone sanieren, doch schlechte Bausubstanz und Statik gaben der Vision von einem modernen, barrierearmen Wohnen und zeitgemäßen Gewerberäumen keine Basis. So entstand in Gemeinsamkeit von Stadt, Denkmalpflege und Bauherr die Idee, die Situation als Chance für eine Reparatur des historischen Stadtgrundrisses zu nutzen. In Anlehnung an die alte Stadtstruktur sind wieder zwei separate Gebäude mit insgesamt zwölf Wohnungen entstanden, das größere, die Lücke zur Steinbrücke schließende zweigeschossige Eckgebäude trägt Satteldach, Zwerchhaus und Dachgauben. Dahinter folgt ganz nach historischem Vorbild ein optisch niedrigeres Gebäude, hier nun mit flachem, begrüntem Dach. Beiden gemeinsam ist eine vorgehängte Lamellenfassade aus holzimitierenden Schichtholzplatten, sie, so die Architekten, interpretiert die Gliederung der historischen Fachwerkfassaden mit Stiel und Riegel und schafft eine angemessene Maßstäblichkeit. Hinter den Lamellen verschwinden optisch und das ist das eigentlich interessante große Fensteröffnungen und Loggien. Der Effekt großer Helligkeit wird so im Innern optimal erreicht und gaukelt die für Quedlinburg gewünschte geschlossene Fassade vor. Im Erdgeschoss ist Platz für zwei moderne Geschäftsräume ganz nach Tradition an diesem Platz der Stadt entstanden. Jede Wohnung der Häuser hat Balkon oder Loggia zur Stadt orientiert, jede ist mit dem Aufzug zu erreichen und jede hat einen Stellplatz in der Tiefgarage. Und mit Mini-Blockheizkraftwerk und hochgedämmter Außenhülle wird der Grenzwert für den Primärenergiebedarf deutlich unterschritten. Die Jury votierte für dieses besonders anspruchsvolle Objekt im Kernbereich der historischen Innenstadt als zeitgemäße architektonische Antwort beim Weiterbauen mit dem und in dem Denkmal Quedlinburg.

Standort
Steinbrücke 17 / Carl-Ritter-Straße 2/3, Welterbestadt Quedlinburg

Bauherr/in
Wohnungswirtschaftsgesellschaft mbH Quedlinburg, Welterbestadt Quedlinburg

Architekten
ARC architekturconzept GmbH Lauterbach Oheim Schaper, Halberstadt / Planungsring Architekten + Ingenieure GmbH, Wernigerode

Preise
Architekturpreis des Landes Sachsen-Anhalt 2013, Engere Wahl

Fertigstellung
2013