Frank-Heinrich Müller, Steffen Spitzner

Zentrum Taufe St. Petri-Pauli, Lutherstadt Eisleben

Von Licht und erhaben-stiller Heiterkeit durchflutet, so erlebt der Besucher die alte St. Petri-Pauli-Kirche. Sie bezeugt als authentischer Reformationsort im Puffer der UNESCO-geschützten Stätten Stadt- wie Weltgeschichte und zeigt sich heute als übergemeindlicher, überkonfessioneller und derart neu gewichteter Raum. Damals, 1483, Schauplatz der Taufe Martin Luthers und heute das Zentrum Taufe ein mutiges Projekt. Im Spannungsfeld zwischen dem Schwergewicht der (weitgehend) originalen Stätte und dem Anspruch der evangelischen Kirche, in zeitgemäßer Weise Öffentlichkeit zu sein, hatten AFF architekten, Berlin, in einem architektonisch-künstlerischen Gutachterverfahren im August 2010 ihren Weg für die Gestaltung eines ökumenischen Zentrums Taufe zu suchen. Sie fanden ihn in einem minimalistischen Entwurf, der durch seine formale Schlichtheit überzeugte sowie mit einer funktionalen Flexibilität, die mit entschiedenen und doch wohlgesetzten Eingriffen die Schönheit der vorhandenen Architektur bewahrte. Hauptmotiv: eine scheinbar schwebende neue Bodenplatte als Implantat, die nahtlos und stufenfrei Chor und Kirchenhalle zusammenführt. Die Architekten schaffen so einen resoluten Brückenschlag in die Gegenwart; eine umlaufende Fuge samt lockerem Kiesbett zollt Respektsabstand zum alten Mauerwerk. Im Zentrum des Sakralbaus, an der Raumkreuzung von Chor und Mittelschiff, hat man kreisrund die Plattform für ein Taufbecken geöffnet und gleichsam unterschnitten. Assoziationen an ein fließendes, lebendiges Wasser leben auf. In den Boden gravierte konzentrische Kreise, ausgehend vom Taufbecken und den räumlichen Polen, unterstreichen diesen Eindruck, sie zitieren Interferenzen auf der Wasseroberfläche. Auf diesem Muster gruppieren sich schließlich die neuen, schlichten Bänke, sie wärmen den Ort in nuancierend natürlichen Holzfarbtönen von Apfel, Birne, Nuss und Kirsche. Es fällt nicht leicht, urteilte die Jury, einen auratischen Ort wie die Hallenkirche St. Petri-Pauli in seiner räumlichen Wirkung noch zu steigern. Das sei mit vergleichsweise einfachen, jedoch weitreichenden Eingriffen hervorragend gelungen. So sind Idee, Boden, Becken, Bänke und Beleuchtung im alten Hause neu und mancher mag Gewohntes schmerzlich missen. Aber Zeit läuft weiter und St. Petri-Pauli mit ihr. Das hätte Martin Luther, der mit seinen Gedanken eine ganze Welt veränderte, sicher gefallen.

Standort
Petrikirchplatz 22, Lutherstadt Eisleben

Bauherr/in
Evangelische Kirchengemeinde St. Andreas-Nicolai-Petri, Lutherstadt Eisleben

Architekten
AFF architekten, Berlin

Preise
Architekturpreis des Landes Sachsen-Anhalt 2013

Fertigstellung
2012